Zwischen großen Lücken und fehlender Breite

Auch im zweiten Versuch in der Champions League geht die Mannschaft von Peter Bosz leer aus. Anders als noch gegen Lokomotive Moskau, als Bayer Leverkusen das Spiel vor allem wegen tödlichen Fehlern aus der Hand gab, war die 0:3-Niederlage bei Juventus Turin eine verdiente und eine lehrreiche. Denn die Mannschaft von Maurizio Sarri brauchte zwar keine überragende Leistung, nutzte aber die Fehler von Bayer eiskalt aus und deckte die Lücken im System von Peter Bosz auf. Mit einem Spieler tat sich die Leverkusener Abwehr ganz besonders schwer: Federico Bernardeschi.

Beim italienischen Rekordmeister trat Bayer Leverkusen einmal mehr in der 3-6-1-Formation auf, Juventus Turin im bekannten 4-3-1-2. Ein Spieler irritierte mich in der Bosz-Elf besonders: Kerem Demirbay ist noch nicht in Leverkusen angekommen. Vor allem im 3-6-1-System tat er sich bislang sehr schwer. Der Leverkusener Rekordtransfer (32 Millionen Euro) denkt „zu defensiv“ für die Zehnerposition neben Kai Havertz, ist kein Ballantreiber, hält sich ungerne mit dem Rücken zum Tor auf, ist keiner, der aufdreht und ins 1-gegen-1 geht. Und auch, wenn er in der Grundordnung auf der Sechserposition neben Aranguiz oder Baumgartlinger zum Einsatz kam, fehlte es der Mannschaft an Balance, ist also grob gesagt dafür „zu offensiv“.

Die Grundformation beider Mannschaften

Demirbays Schwierigkeiten

Auch beim Spiel gegen Juve gab es eine bezeichnende Szene für seine Anpassungsprobleme: Situation im Spielaufbau, Wendell wird ausnahmsweise nicht angelaufen und schafft ein wenig Raum. Vor ihm steht Demirbay an der Außenlinie, der sich vororientiert und damit müsste er Kevin Volland gesehen haben, der die Außenspur bereits besetzt hat. Doch statt den Zwischenraum in der Halbspur zu besetzen, bleibt er an der Außenlinie, erst nachdem ihm Wendell ein Handzeichen gibt, läuft er in den freien Raum. Das dauert wertvolle Sekunden, durch die er dann auch in der Halbspur nicht mehr anspielbar ist. Neben seinen ungewöhnlich vielen technischen Fehlern war sein Raumverhalten also definitiv ein weiterer Grund für seine Auswechslung in der Halbzeit.

Demirbay befindet sich auf der Außenspur, erkennt die Möglichkeit, im Zwischenraum als Anspielstation zu agieren, zu spät

Turiner Angriffspressing und Mittelfeld-Viereck

Davon abgesehen zog Bayer sein Spiel wie gewohnt durch: Viel Ballbesitz, (oft) Angriffspressing, hoch stehen, nach Ballverlust ins Gegenpressing. Juventus stellte sich darauf in vielerlei Hinsicht ein. Zunächst der Leverkusener Spielaufbau betrachtet: Die Doppelspitze der Tifosi lief die Dreierkette hoch und aggressiv an, womit Sven Bender, Jonathan Tah und Wendell grundsätzlich ihre Probleme hatten und häufig Lukas Hradecky miteinbeziehen mussten. Der Finne fiel in der Folge durch mehrere Fehlpässe auf, einige davon haarsträubend ins Zentrum des Feldes. Auffällig war, dass die Laufwege von Cristiano Ronaldo und Gonzalo Higuain meist so abgestimmt waren, dass Bayer – wenn nicht über Hradecky – das Spiel über die Außen fortsetzen muss, nie durch das Zentrum. Das führte Juventus auch im Mittelfeld durch. Die Besetzung im Mittelfeld von zwei Sechsern und zwei Zehnern auf Leverkusener Seite konterten die Turiner mit einem ebenso mannstarken Block, der sich stets in der Form eines Vierecks im Raumpressing bewegte. So wurde das Spielfeld immer enger, je weiter Bayer nach vorne wollte. Dadurch musste Bayer oft das Aufbauspiel von Neuem aufziehen, der Ball fand sich nach einem Vorwärtspass zu einem Sechser meist wieder bei den Innenverteidigern.

Juventus-Vierer: Miralem Pjanic, Sami Khedira, Blaise Matuidi und Federico Bernardeschi machten so die Mitte dicht, bewegten sich stets im Viereck

Fehlende Breite im Bayer-Spiel

Nicht gerade förderlich dafür war, dass Bayer das Spiel selbst immer möglichst eng machen möchte. Möglichst viele Spieler sollen sich in Ballnähe befinden, um zum einen Überzahl zu schaffen und zum anderen, um im Falle eines Ballverlustes sofort Zugriff auf den Gegner zu haben. Dafür ist es nicht unüblich, dass sich sowohl beide Sechser als auch beide Zehner auf der ballnahen Seite befinden. Logischerweise ist dadurch Breite Fehlanzeige und Juves Raumpressing wirkte. Leverkusens Konter darauf war naheliegend: Ein Zehner soll sich eher ballentfernt aufhalten. Turin konterte das zwar, indem sich der äußere Achter aus dem eigenen Viereck in Richtung des sich lösenden Zehners orientierte, dennoch ging es bei Bayer oft dann konstruktiv (und das war nicht allzu oft) nach vorne, als sie sich von dem Raumpressing lösen und eine Seitenverlagerung einleiten konnten.

Wieder der Viererblock, Blaise Matuidi wusste allerdings, wohin er sich orientieren musste, falls sich Bayer löst: Zu Kai Havertz, der für eine Seitenverlagerung bereit steht

Die Breite ist also ein wichtiger Stichpunkt. Die Frage, warum sich Bosz in dem Spiel nicht für die breitere 4-3-3-Formation mit den doppelt besetzten Flügeln entschied, liegt Nahe – ist aber auch durch den Ausfall von Karim Bellarabi leicht zu beantworten. Tiefe Läufe, etwa von den Flügelstürmern, hat Bayer Leverkusen somit vermisst. Auch 1-gegen-1-Situationen – vor allem gegen den defensiv ungefestigten Rechtsverteidiger Juan Cuadrado – wären sicherlich ein probates Mittel, waren jedoch Mangelware.

Der Mann zwischen den Ketten: Federico Bernardeschi

Cristiano Ronaldo, Gonzalo Higuain, Matthijs de Ligt, Miralem Pjanic – die Mannschaft von Juventus Turin ist wenig überraschend mit ganz großen Namen bestückt. Und dennoch war es ein Spieler, dem man nicht unbedingt das Prädikat „absolute Weltklasse“ aufstempeln würde, der Bayer vor große Probleme stellte: Federico Bernardeschi. Er war der Zehner der Italiener, Bindeglied zwischen Mittelfeld und Sturm. Er war vor allem derjenige, der sich zwischen Mittelfeld und Abwehr der Leverkusener aufhielt. Deutlich wird das im Aufbauspiel der Turiner: Bayer agierte im Angriffspressing und schob mit Angriffs- und Mittelfeldkette nach vorne, um den Gegner früh zu stören. Bernardeschi schlich sich in der Folge hinter die Abwehr und war in einem großen, freien Raum.

Früh im Spiel: Federico Bernardeschi schlich sich zwischen Mittelfeld und Abwehr, fand dort riesigen Raum vor
Von Bonucci wird er hervorragend angespielt, keiner hat Zugriff, weil auch Sven Bender von Higuain gebunden wird. Zu Bayers Glück kriegt er den Ball nicht kontrolliert

Das konnte Bayer durch zwei Optionen kontern. Entweder Charles Aranguiz kümmerte sich um diesen Raum und „bewachte“ Bernardeschi – dann war das Pressing logischerweise nicht so griffig, weil ein Passweg nicht abgedeckt werden konnte. Oder aber Sven Bender rückte vor, um Bernardeschi bei der Ballannahme zu stören.

Ähnliche Situation: Bernardeschi wieder zwischen Bayers Mittelfeld und Abwehr. Dieses Mal rückt Sven Bender auf den Zehner vor

In dem zweiten Fall erkennt man das nächste Stilmittel, das Juve gegen Bayer verwendet hat. Nicht nur im genannten Beispiel, also als Sven Bender zu Bernadeschi vorrückte, stieß ein Stürmer sofort in den freigewordenen Raum und setzte zu einem tiefen Lauf an. Häufig kam dies vor, konnte von einem Leverkusener Verteidiger aber meistens – in höchster Not – bereinigt werden.

Den durch den vorrückenden Sven Bender freigewordenen Raum nutzt Gonzalo Higuain, um dort einen tiefen Lauf zu starten. Fälschlicherweise wird er zurückgepfiffen
Wieder rückt Sven Bender auf Bernardeschi, wieder macht Jonathan Tah den Raum nicht zu, wieder nutzt Higuain den Raum für einen tiefen Lauf – wird aber nicht angespielt
Dieses Mal rückt Sven Bender nicht auf Bernardeschi, sondern auf Higuain. Er macht den Raum frei, verliert den Zweikampf, Higuain spielt auf Pjanic. Bernardeschi läuft als dritter Mann in den freien Raum – Jonathan Tah rettet in letzter Not

Bestrafte Fehler – wieder mal

Neben den taktischen Details waren es aber auch die großen Fehler, die Bayer zu häufig fabrizierte, auf die Juventus häufig die passende Antwort hatte. Zu nennen ist da Jonathan Tahs Orientierungslosigkeit vor dem 0:1 oder das mehrfach zaghafte Zweikampfverhalten der gesamten Abwehr vor dem 0:2. Fehler, die auf diesem Niveau – das durfte Bayer schon gegen Moskau erleben – hart bestraft werden. Dadurch steht unter dem Strich eine verdiente 0:3-Niederlage gegen Italiener, die sich wahrlich nicht in der allerbesten Verfassung zeigten. Und das obwohl Bayer ursprünglich gut ins Spiel gestartet ist, Bälle und Gegner in den ersten zehn Minuten laufen ließ. Mit dem ersten Fehlpass von Hradecky auf Wendell schlich sich gefühlt eine Unsicherheit in die Mannschaft.

Eine weitere Lehrstunde

Doch Sarri zeigte dem Bosz-System relativ leicht seine Limitationen auf. Es reichte eine gute Vorbereitung, das Lauern auf Fehler – der Rest erledigte die schier unendliche Qualität, die die Turiner in ihren Reihen haben. Es war also auch eine Art Lehrstunde. Natürlich war Juve nicht der erste Gegner, der diese Räume so anlief und das Zentrum so verdichtete. Durch ihre individuelle spielerische Klasse und die Spielintelligenz machten sie es aber so deutlich und so gut wie selten ein anderer Gegner.

Ich tue mich schwer damit, zu sagen, dass es gegen einen Gegner mit durchschnittlicher Leistung nicht gereicht hat, es läge ein Einstellungsproblem vor. Durchaus hat man eine gewisse Einschüchterung von den großen Namen gespürt, durch die Bayer nicht mehr mit der gewohnten Überzeugung agierte. Aber um in Turin etwas mitnehmen zu wollen, muss der Gegner eine durchschnittliche Leistung abrufen und man selbst muss über sich hinauswachsen. Es war jedoch nur eine Voraussetzung erfüllt.

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