Doch wieder 4-3-3! Aber warum?

Peter Bosz hat durchaus überrascht, als Bayer Leverkusen sich gegen Düsseldorf wieder im 4-3-3 aufgestellt hat und nicht mehr im 3-6-1. Im Folgenden versuche ich zu erörtern, warum Peter Bosz den Wechsel gewagt hat und gleichzeitig werde ich auch erklären, warum es so gut geklappt hat.

Rund um Bayer Leverkusen war in der jüngeren Vergangenheit oft von einer 3-2-4-1-, bzw. 3-6-1-Formation, zu lesen. Auch ich habe sehr gerne verfolgt, wie Peter Bosz seine Mannschaft aufs Feld schickte. Seine Art, auf den Ausfall von Karim Bellarabi in der vergangenen Rückrunde, zu reagieren, imponierte mir. Er steckte keinen Spieler als Ersatz auf Bellarabis Position, sondern veränderte Räume so, dass er stets seine besten elf Spieler auf den Platz schicken konnte. Ein wichtiges Prinzip für Peter Bosz.

Exkurs: Wie entstand das 3-6-1?

Auf dem Feld drückte sich die Änderung vom 4-3-3 auf eine Dreierkette so aus: Linksverteidiger Wendell reihte sich im Aufbauspiel neben die Innenverteidiger Sven Bender und Jonathan Tah. Dafür rückte der Außenverteidiger (meist Mitchell Weiser) nach vorne und wurde zum Flügelverteidiger. Ähnlich auf der linken Seite: Dort wurde der Flügelstürmer (meist Leon Bailey) zum linken Flügelverteidiger. Im Mittelfeldzentrum fand man zwei Zweier-Reihen. Defensiv: Charles Aranguiz und Julian Baumgartlinger. Offensiv: Julian Brandt und Kai Havertz. Gegen den Ball verschob sich noch mal alles ein wenig, Mitchell Weiser rückte wieder in die Viererkette, Julian Brandt blieb alleiniger Zehner. Dafür besetzte Kai Havertz die rechte offensive Zone im Anlaufen. Zu der Zeit profitierten viele Spieler von der Umstellung. Beispiel: Der ausgebildete Rechtsaußen Weiser hatte mehr offensive Freiheiten. Auch war es die einzige Möglichkeit, die Doppelzehn von Havertz und Brandt beizubehalten. Nun ist Brandt jedoch weg (später mehr), Weiser angeschlagen und Bellarabi wieder fit. Dennoch spielte Bosz in der Vorbereitung fast ausschließlich weiter mit dem 3-6-1 – bis zum gestrigen Spiel in Düsseldorf. Dort bot Bayer wieder das altbekannte 4-3-3 auf mit zwei Außenverteidigern und Flügelstürmern. Neben den personellen gibt es für mich auch taktische Gründe.

Das Aufbauspiel stockte

Ich kann mir vorstellen, dass ein Grund für seinen Wechsel darin lag, dass das Aufbauspiel zu berechenbar geworden ist. Im Dreieraufbau hat man zwar Überzahl gegen eine gegnerische Doppelspitze (so erklärte es Bosz auch im Podcast mit Ewald Lienen, deswegen war ich auch vor dem Spiel gegen die Fortuna weiterhin von einem 3-6-1 ausgegangen, als ich die Formation gesehen habe), allerdings sind die Abstände zu den aufrückenden Flügelverteidigern relativ hoch, weswegen der erste Pass meistens durch das Zentrum gespielt wurde. So musste man als Gegner „nur“ die Doppelsechs Baumgartlinger/Aranguiz decken (wie Paderborn) und das Aufbauspiel stockte stark. Als die Formation noch neu war, waren die zwei Anspielstationen (und damit logischerweise eine mehr als im 4-3-3) im Zentrum ein Vorteil, mittlerweile haben sich die Gegner drauf eingestellt.

Nun ist das wieder variabler, wie es sich gestern gezeigt hat: Die Außenverteidiger wurden effektiv in den Spielaufbau eingebunden (Wendell hatte die zweitmeisten Ballbesitzphasen, einige Pässe von Bender im Aufbau führten in letzter Konsequenz zu einem Torschuss), was daran liegt, dass sie auf dem doppelt besetzten Flügel nicht mehr alleine sind, sondern einen Vordermann haben (Bailey/Bellarabi) und auch den Pass ins Zentrum suchen können. Der vorhin angesprochene Dreieraufbau entstand auch durch das Abkippen von Aranguiz, allerdings nur selten.

Wenn ein Schlüsselspieler weg ist…

Ein weiterer Grund, bereits angesprochen: Julian Brandt ist einfach nicht mehr da. Der Spieler, der sich zwischen den gegnerischen Abwehrlinien positionieren und aufdrehen kann, wie wenige andere. Immer wieder probierte Bosz verschiedene Varianten aus – Paulinho, Diaby, Demirbay (dazu gleich mehr) oder zuletzt sogar Bailey. Doch niemand füllte die Position wirklich gut aus, was auch daran liegt, dass keiner der Genannten die Qualitäten eines Brandt, die in dieser Rolle gefragt sind, haben. Ohne einen adäquaten Ersatz fehlt also die Tiefe im Offensivspiel. Das wurde nun aufgefangen, zurück zu den Flügelstürmern auf beiden Seiten, die beide in der Lage sind, tiefe Läufe zu starten.

Demirbays neue Rolle

Auch Kerem Demirbay dürfte ein Faktor gewesen sein, der die angesprochene Brandt-Position im vergangenen Spiel bekleidete. Gegen Paderborn war er blass, hatte Schwierigkeiten, sich zu positionieren, nahm selten Fahrt auf. Nun hat er also im 4-3-3 die Offensivposition neben Kai Havertz eingenommen. Ohne einen direkten Hintermann (im linken Halbraum-Offensiv hat er im 3-6-1 den Spieler im linken Halbraum-defensiv hinter sich) hat er mehr Freiheiten in der Positionierung, hat dadurch zum Beispiel mehr Anlauf und allgemein Freiraum, den der Stratege dringend benötigt. Es zahlte sich auch aus: Gestern hatte er zwei Torschussvorlagen, drei Schüsse und ein Assist. Gegen Paderborn waren noch all diese Werte bei null.

Gegenpressing und Absicherung

Dazu kommen noch die grundlegenden Vorteile dieser Grundordnung. Jeder Spieler hat einen echten Hintermann, eine wahre Absicherung (LV – LM, RV – RM usw: Dazu kommt, dass Demirbay sich oft gegen den Ball neben Aranguiz in einer Doppelacht positioniert hat, dadurch haben auch die beiden Achter mit den Innenverteidiger eine Absicherung). Dadurch wirkte das Gegenpressing deutlich griffiger. Auch das Angriffspressing – also das Angreifen bei Düsseldorfer Ballbesitz – war dynamischer. Das lag daran, dass mit Bailey und Bellarabi zwei im Antritt pfeilschnelle Spieler angelaufen sind und nicht mehr mit Kai Havertz ein Spieler, der in der Endgeschwindigkeit seine Stärken hat.

Restverteidigung und Motor Aranguiz

Schaut man noch auf die Defensive: Dort ist bei einer Viererkette in der Regel ein Spieler mehr in der Restverteidigung, also in der Defensivordnung, sollte das Gegenpressing nicht funktioniert haben, als beim 3-6-1. Das hat aber auch nur funktioniert, da vor der Viererkette Charles Aranguiz gewohnt dynamisch marschiert ist und immer zur rechten Zeit dort war, wo es gebrannt hat. Die Lücken sind dennoch deutlich kleiner geworden. Das lag auch daran, dass zwei Innenverteidiger es leichter haben, sich zu organisieren als eine Dreierkette. Sven Bender hat neben seinem Spitzenwert im Zweikampfverhalten oft klug hinter Tah abgesichert, sodass Düsseldorf in den ersten 70 Minuten praktisch nie über Konter gefährlich wurde. Die Defensive war schon viel besser gestaffelt als noch gegen Paderborn.

Gegen Hoffenheim wieder im 4-3-3?

Nun also die erneute Umstellung. Man kann gespannt sein, wie es im kommenden Spiel gegen die TSG Hoffenheim aussehen wird. Das 4-3-3 hat definitiv wieder Eigenwerbung betrieben. Die Zonen, in denen sich Spieler wie Demirbay (mit mehr Freiräumen nach vorne und hinten), Bellarabi oder Bailey (beide klar auf der Außenbahn ohne die defensiven Pflichten wie noch im 3-6-1) aufhielten, liegen ihnen deutlich besser. Einziger Wermutstropfen bleibt wohl die Phase ab der 70. Minute, was aber weniger mit der Grundordnung zu tun hatte, sondern vielmehr mit der Lässig- und Fahrigkeit der Akteure.

Dabei sollte man natürlich nicht außer Acht lassen, dass der Gegner Fortuna Düsseldorf und nicht Bayern München war. Ein großer Schritt nach vorne war es im Vergleich zum chaotischen 3:2 gegen Paderborn auf jeden Fall. Auch wenn Düsseldorf nicht wie Paderborn auf einen kalkulierten Schlagabtausch aus war, kontrollierte Bayer das Spiel 70 Minuten lang und hätte der Fortuna frühzeitig vier oder fünf Tore einschenken können. Und die Umstellung auf die 4-3-3-Grundordnung hatte daran sicherlich auch einen Anteil.

Quelle der Daten: bundesliga.de, kicker.de, understat.com

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#B04SCP – was für 0,5 Spektakel!

Die Nachbetrachtung des Spektakels #B04SCP, das eigentlich nur ein halbes Spektakel war.

Das liegt daran, dass Paderborn zu Beginn im Angriffspressing angelaufen ist. Während Bayer im 3-2 aufgebaut hat, hat der SCP im 2-2-2 so weit vorne wie möglich gepresst – hatte also meist einen Mann Überzahl in dieser großen Zone zwischen Bayers Abwehr und Mittelfeld; der Hauptgrund für den „provozierten Schlagabtausch“, wie es Baumgartl später nennen würde.

Dafür war natürlich vor der Abwehr von Paderborn extrem viel Platz – nur musste man da erst mal hinkommen. Dass man es nur zwei oder drei Male geschafft hat, ist ein weiteres Armutszeugnis für das Aufbauspiel hauptsächlich unserer Verteidiger, da die Doppelsechs Baumi/Aranguiz zum einen klug in den Deckungsschatten der beiden Paderborner Stürmer genommen wurde, zum anderen aggressiv angelaufen wurde von Paderborns eigener Doppelsechs. Baumi/Aranguiz hatten dadurch kaum Freiraum zum Aufdrehen, schafften es allerdings dennoch. Die Innenverteidiger hingegen passten sich wie gewohnt gegenseitig den Ball zu, mal kam ein langer Ball, selten ein Pass in den Halbraum auf die Zehner Havertz oder Demirbay. Auch wenn Paderborns Ballbesitzphasen eher rar waren, konnte man Bayers Formation gegen den Ball erkennen: Im 4-3-3 mit drei Mittelfeldspielern auf einer Linie (Baumi, Aranguiz, Demirbay), was eher ungewöhnlich ist, da sonst meist mindestens ein Spieler vor den Sechsern anläuft.

Paderborns nahezu perfektes Konterspiel

Zudem habe ich ehrlich gesagt Paderborns Fähigkeiten unterschätzt. Sie können sowohl Angriffspressing als auch mit 10 Mann am eigenen Strafraum mauern – und die Umschaltmomente sind der Wahnsinn. Schnörkellos wird der tiefe Lauf eines Angreifers gesucht, die Wege sind scheinbar perfekt abgestimmt. Selbst bei einem einfachen Klärungsversuch vom eigenen Strafraum aus. Das wurde unseren Verteidigern vor allem in der ersten Halbzeit zum Verhängnis. Die Absicherungen waren abenteuerlich, Paderborns Angreifer konnten sich nach Belieben durchspielen und hätten sogar mit einer Führung in die Pause gehen können.

Verändertes Bild nach der Halbzeit

Nach der Pause änderte Paderborn vom Angriffspressing auf ein Mittelfeldpressing, da es auf Dauer zu anstrengend gewesen wäre. Leverkusen bekam in der Folge mehr Kontrolle über das Spiel, die Abstimmung und die Konzentration in der Verteidigung wurde besser (möglicherweise auch, da drei echte Innenverteidiger hinten standen), Paderborns Gegenstöße also insgesamt lange nicht so gefährlich wie noch in Halbzeit eins. Auch, weil sich die Fehlpässe minimiert haben, das Gegenpressing besser griff. Mit Ball wurde es besser, als Demirbay auf die Position ging, die er eher spielen könnte: Die Acht neben Aranguiz. Weiterhin sah es für mich so aus, als wüsste er nicht ganz, wie er sich positionieren sollte im Angriff. Entweder steht er mit dem Rücken zum Tor, oder er hat zu wenig Anlauf – damit kann er seine Fähigkeiten nicht perfekt ausspielen. Als Leon Bailey auf seine Position ging, war mehr Dynamik in der Offensive – und letzten Endes fiel von der Seite auch der entscheidende Treffer.

Das Kontern muss besser werden

Eine Sache, die mir noch aufgefallen ist: Das Element des Konterspiels muss unbedingt verbessert werden, um ein Spiel wie das gegen Paderborn frühzeitig zu beenden. Natürlich ist Kontern kein Hauptelement des Bosz’schen Fußball-Stils, allerdings wird man mit schnellen Spielern wie Bellarabi, Havertz oder Bailey immer in Konter-Situationen gelangen. Und was aus denen entstehen kann, hat man schließlich erst auf des Gegners Seite gesehen.