Zwischen großen Lücken und fehlender Breite

Auch im zweiten Versuch in der Champions League geht die Mannschaft von Peter Bosz leer aus. Anders als noch gegen Lokomotive Moskau, als Bayer Leverkusen das Spiel vor allem wegen tödlichen Fehlern aus der Hand gab, war die 0:3-Niederlage bei Juventus Turin eine verdiente und eine lehrreiche. Denn die Mannschaft von Maurizio Sarri brauchte zwar keine überragende Leistung, nutzte aber die Fehler von Bayer eiskalt aus und deckte die Lücken im System von Peter Bosz auf. Mit einem Spieler tat sich die Leverkusener Abwehr ganz besonders schwer: Federico Bernardeschi.

Beim italienischen Rekordmeister trat Bayer Leverkusen einmal mehr in der 3-6-1-Formation auf, Juventus Turin im bekannten 4-3-1-2. Ein Spieler irritierte mich in der Bosz-Elf besonders: Kerem Demirbay ist noch nicht in Leverkusen angekommen. Vor allem im 3-6-1-System tat er sich bislang sehr schwer. Der Leverkusener Rekordtransfer (32 Millionen Euro) denkt „zu defensiv“ für die Zehnerposition neben Kai Havertz, ist kein Ballantreiber, hält sich ungerne mit dem Rücken zum Tor auf, ist keiner, der aufdreht und ins 1-gegen-1 geht. Und auch, wenn er in der Grundordnung auf der Sechserposition neben Aranguiz oder Baumgartlinger zum Einsatz kam, fehlte es der Mannschaft an Balance, ist also grob gesagt dafür „zu offensiv“.

Die Grundformation beider Mannschaften

Demirbays Schwierigkeiten

Auch beim Spiel gegen Juve gab es eine bezeichnende Szene für seine Anpassungsprobleme: Situation im Spielaufbau, Wendell wird ausnahmsweise nicht angelaufen und schafft ein wenig Raum. Vor ihm steht Demirbay an der Außenlinie, der sich vororientiert und damit müsste er Kevin Volland gesehen haben, der die Außenspur bereits besetzt hat. Doch statt den Zwischenraum in der Halbspur zu besetzen, bleibt er an der Außenlinie, erst nachdem ihm Wendell ein Handzeichen gibt, läuft er in den freien Raum. Das dauert wertvolle Sekunden, durch die er dann auch in der Halbspur nicht mehr anspielbar ist. Neben seinen ungewöhnlich vielen technischen Fehlern war sein Raumverhalten also definitiv ein weiterer Grund für seine Auswechslung in der Halbzeit.

Demirbay befindet sich auf der Außenspur, erkennt die Möglichkeit, im Zwischenraum als Anspielstation zu agieren, zu spät

Turiner Angriffspressing und Mittelfeld-Viereck

Davon abgesehen zog Bayer sein Spiel wie gewohnt durch: Viel Ballbesitz, (oft) Angriffspressing, hoch stehen, nach Ballverlust ins Gegenpressing. Juventus stellte sich darauf in vielerlei Hinsicht ein. Zunächst der Leverkusener Spielaufbau betrachtet: Die Doppelspitze der Tifosi lief die Dreierkette hoch und aggressiv an, womit Sven Bender, Jonathan Tah und Wendell grundsätzlich ihre Probleme hatten und häufig Lukas Hradecky miteinbeziehen mussten. Der Finne fiel in der Folge durch mehrere Fehlpässe auf, einige davon haarsträubend ins Zentrum des Feldes. Auffällig war, dass die Laufwege von Cristiano Ronaldo und Gonzalo Higuain meist so abgestimmt waren, dass Bayer – wenn nicht über Hradecky – das Spiel über die Außen fortsetzen muss, nie durch das Zentrum. Das führte Juventus auch im Mittelfeld durch. Die Besetzung im Mittelfeld von zwei Sechsern und zwei Zehnern auf Leverkusener Seite konterten die Turiner mit einem ebenso mannstarken Block, der sich stets in der Form eines Vierecks im Raumpressing bewegte. So wurde das Spielfeld immer enger, je weiter Bayer nach vorne wollte. Dadurch musste Bayer oft das Aufbauspiel von Neuem aufziehen, der Ball fand sich nach einem Vorwärtspass zu einem Sechser meist wieder bei den Innenverteidigern.

Juventus-Vierer: Miralem Pjanic, Sami Khedira, Blaise Matuidi und Federico Bernardeschi machten so die Mitte dicht, bewegten sich stets im Viereck

Fehlende Breite im Bayer-Spiel

Nicht gerade förderlich dafür war, dass Bayer das Spiel selbst immer möglichst eng machen möchte. Möglichst viele Spieler sollen sich in Ballnähe befinden, um zum einen Überzahl zu schaffen und zum anderen, um im Falle eines Ballverlustes sofort Zugriff auf den Gegner zu haben. Dafür ist es nicht unüblich, dass sich sowohl beide Sechser als auch beide Zehner auf der ballnahen Seite befinden. Logischerweise ist dadurch Breite Fehlanzeige und Juves Raumpressing wirkte. Leverkusens Konter darauf war naheliegend: Ein Zehner soll sich eher ballentfernt aufhalten. Turin konterte das zwar, indem sich der äußere Achter aus dem eigenen Viereck in Richtung des sich lösenden Zehners orientierte, dennoch ging es bei Bayer oft dann konstruktiv (und das war nicht allzu oft) nach vorne, als sie sich von dem Raumpressing lösen und eine Seitenverlagerung einleiten konnten.

Wieder der Viererblock, Blaise Matuidi wusste allerdings, wohin er sich orientieren musste, falls sich Bayer löst: Zu Kai Havertz, der für eine Seitenverlagerung bereit steht

Die Breite ist also ein wichtiger Stichpunkt. Die Frage, warum sich Bosz in dem Spiel nicht für die breitere 4-3-3-Formation mit den doppelt besetzten Flügeln entschied, liegt Nahe – ist aber auch durch den Ausfall von Karim Bellarabi leicht zu beantworten. Tiefe Läufe, etwa von den Flügelstürmern, hat Bayer Leverkusen somit vermisst. Auch 1-gegen-1-Situationen – vor allem gegen den defensiv ungefestigten Rechtsverteidiger Juan Cuadrado – wären sicherlich ein probates Mittel, waren jedoch Mangelware.

Der Mann zwischen den Ketten: Federico Bernardeschi

Cristiano Ronaldo, Gonzalo Higuain, Matthijs de Ligt, Miralem Pjanic – die Mannschaft von Juventus Turin ist wenig überraschend mit ganz großen Namen bestückt. Und dennoch war es ein Spieler, dem man nicht unbedingt das Prädikat „absolute Weltklasse“ aufstempeln würde, der Bayer vor große Probleme stellte: Federico Bernardeschi. Er war der Zehner der Italiener, Bindeglied zwischen Mittelfeld und Sturm. Er war vor allem derjenige, der sich zwischen Mittelfeld und Abwehr der Leverkusener aufhielt. Deutlich wird das im Aufbauspiel der Turiner: Bayer agierte im Angriffspressing und schob mit Angriffs- und Mittelfeldkette nach vorne, um den Gegner früh zu stören. Bernardeschi schlich sich in der Folge hinter die Abwehr und war in einem großen, freien Raum.

Früh im Spiel: Federico Bernardeschi schlich sich zwischen Mittelfeld und Abwehr, fand dort riesigen Raum vor
Von Bonucci wird er hervorragend angespielt, keiner hat Zugriff, weil auch Sven Bender von Higuain gebunden wird. Zu Bayers Glück kriegt er den Ball nicht kontrolliert

Das konnte Bayer durch zwei Optionen kontern. Entweder Charles Aranguiz kümmerte sich um diesen Raum und „bewachte“ Bernardeschi – dann war das Pressing logischerweise nicht so griffig, weil ein Passweg nicht abgedeckt werden konnte. Oder aber Sven Bender rückte vor, um Bernardeschi bei der Ballannahme zu stören.

Ähnliche Situation: Bernardeschi wieder zwischen Bayers Mittelfeld und Abwehr. Dieses Mal rückt Sven Bender auf den Zehner vor

In dem zweiten Fall erkennt man das nächste Stilmittel, das Juve gegen Bayer verwendet hat. Nicht nur im genannten Beispiel, also als Sven Bender zu Bernadeschi vorrückte, stieß ein Stürmer sofort in den freigewordenen Raum und setzte zu einem tiefen Lauf an. Häufig kam dies vor, konnte von einem Leverkusener Verteidiger aber meistens – in höchster Not – bereinigt werden.

Den durch den vorrückenden Sven Bender freigewordenen Raum nutzt Gonzalo Higuain, um dort einen tiefen Lauf zu starten. Fälschlicherweise wird er zurückgepfiffen
Wieder rückt Sven Bender auf Bernardeschi, wieder macht Jonathan Tah den Raum nicht zu, wieder nutzt Higuain den Raum für einen tiefen Lauf – wird aber nicht angespielt
Dieses Mal rückt Sven Bender nicht auf Bernardeschi, sondern auf Higuain. Er macht den Raum frei, verliert den Zweikampf, Higuain spielt auf Pjanic. Bernardeschi läuft als dritter Mann in den freien Raum – Jonathan Tah rettet in letzter Not

Bestrafte Fehler – wieder mal

Neben den taktischen Details waren es aber auch die großen Fehler, die Bayer zu häufig fabrizierte, auf die Juventus häufig die passende Antwort hatte. Zu nennen ist da Jonathan Tahs Orientierungslosigkeit vor dem 0:1 oder das mehrfach zaghafte Zweikampfverhalten der gesamten Abwehr vor dem 0:2. Fehler, die auf diesem Niveau – das durfte Bayer schon gegen Moskau erleben – hart bestraft werden. Dadurch steht unter dem Strich eine verdiente 0:3-Niederlage gegen Italiener, die sich wahrlich nicht in der allerbesten Verfassung zeigten. Und das obwohl Bayer ursprünglich gut ins Spiel gestartet ist, Bälle und Gegner in den ersten zehn Minuten laufen ließ. Mit dem ersten Fehlpass von Hradecky auf Wendell schlich sich gefühlt eine Unsicherheit in die Mannschaft.

Eine weitere Lehrstunde

Doch Sarri zeigte dem Bosz-System relativ leicht seine Limitationen auf. Es reichte eine gute Vorbereitung, das Lauern auf Fehler – der Rest erledigte die schier unendliche Qualität, die die Turiner in ihren Reihen haben. Es war also auch eine Art Lehrstunde. Natürlich war Juve nicht der erste Gegner, der diese Räume so anlief und das Zentrum so verdichtete. Durch ihre individuelle spielerische Klasse und die Spielintelligenz machten sie es aber so deutlich und so gut wie selten ein anderer Gegner.

Ich tue mich schwer damit, zu sagen, dass es gegen einen Gegner mit durchschnittlicher Leistung nicht gereicht hat, es läge ein Einstellungsproblem vor. Durchaus hat man eine gewisse Einschüchterung von den großen Namen gespürt, durch die Bayer nicht mehr mit der gewohnten Überzeugung agierte. Aber um in Turin etwas mitnehmen zu wollen, muss der Gegner eine durchschnittliche Leistung abrufen und man selbst muss über sich hinauswachsen. Es war jedoch nur eine Voraussetzung erfüllt.

Im Detail verbessert, im Gesamten verschlechtert

Es sollte sowas wie ein Pflichtsieg werden. In einer Gruppe mit Juventus Turin und Atletico Madrid muss man zuhause gegen Lokomotive Moskau gewinnen, um überhaupt die Chance auf Platz drei zu wahren. So wurde es immerhin öffentlich von Bayer-Seite kommuniziert. Raus kam jedoch ein herber Rückschlag, in erster Linie bedingt durch eigene Fehler. Und das ist ärgerlich, denn in einigen Aspekten war ein Fortschritt erkennbar.

Die erste Überraschung für mich kam mit der Mannschaftsaufstellung. Es waren die elf Spieler, die Peter Bosz schon in der zweiten Halbzeit gegen den BVB aufs Feld schickte. Diese elf Spieler hatten also die Chance auf Gutmachung bekommen. Dabei wunderte mich eine Personalie jedoch besonders: Julian Baumgartlinger. In der vergangenen Rückrunde war er auf der Doppelsechs neben Charles Aranguiz quasi der Erfolgsgarant, hielt die Balance für seine Mannschaft und war mit seiner Pressingresistenz eine Waffe. Nun spielte zwar auch der Chilene auf dem Feld, allerdings bekamen beide andere Rollen zugeteilt: Sie spielten nicht, wie noch im 3-6-1 nebeneinander, sondern nun im 4-3-3 mit Baumgartlinger auf der alleinigen Sechs und Aranguiz auf der Acht/Zehn neben Kai Havertz. Und da erkannte ich einen „Widerspruch“: Die Doppelzehn ist in Bosz‘ System unabdingbar, um beide Halbräume besetzen zu können. Fraglich war für mich, inwiefern Aranguiz dafür gemacht ist: Der Chilene ist eher als dynamische Arbeitsbiene bekannt, als griffiger Zweikämpfer auf der Sechs, der sich in jeden Zweikampf wirft und somit vor allem im Gegenpressing wertvoll ist. Kein Zehner, der sich aufdreht und den tödlichen Pass spielt. Dennoch stellte sich heraus: Er hat es im Grunde genommen gut gemacht, war umtriebig, hatte viel Bindung zum Spiel und startete tiefe Läufe. Dazu jedoch gleich mehr.

Der andere Aspekt, mit dem ich mich nicht anfreunden konnte, war Baumgartlingers Position auf der alleinigen Sechs. Wie gesagt war er in einer Doppelsechs unheimlich wertvoll für Bayers Spiel, die Aufgaben in der Zentrale kommen seinem Spielstil als eher „haltender Mittelfeldspieler“ nicht zugute. Und so kam es auch: Baumgartlinger fehlte es an Tempo im Gegenpressing, fühlte sich in der Mittelspur nicht wohl, spielte haarsträubende Fehlpässe. Bosz korrigierte die Aufstellung in der 71. Minute, wechselte Baumgartlinger aus, stellte Aranguiz auf seine beheimatete Sechser-Position, brachte mit Nadiem Amiri einen Zehner als Nebenmann für Kai Havertz.

Zwischenräume und tiefe Läufe

Vor einigen Tagen veröffentlichte ich auf Twitter einen Thread (https://twitter.com/eliano_l/status/1173570392675536896?s=20) zum Thema Spielaufbau. „Gegen einen sicher stehenden Gegner schafft es Bayer nicht, sich aus kontrollierten Ballbesitz, Chancen herauszuspielen“, schrieb ich dort. Zwischenräume würden nicht angespielt, tiefe Läufe nicht erkannt. Auch Lokomotive Moskau war ein solch sicher stehender Gegner. Demnach würden wieder dieselben Kriterien gelten, um diesen Gegner zu knacken: Die Zwischenräume wurden aktiver von den beiden Zehnern besetzt, tiefe Läufe in die Lücken der Moskauer Abwehr kamen vor allem von Charles Aranguiz. Dennoch wieder der Knackpunkt: Zu selten wurden diese Zwischenräume angespielt. Natürlich ist es immer die Gefahr, dass der Gegner auf die Zuspiele zwischen zwei Spielern lauert und den Ball abfängt. Es war jedoch spürbar, dass Bayer das Risiko nicht eingehen wollte – eine Unsicherheit, die seit dem Hoffenheim-Spiel in der Luft liegt. Zudem wurden die tiefen Läufe selten erkannt und quasi nie angespielt. Die Ironie war eigentlich nur, dass es immer gefährlich wurde, sobald ein Zwischenraum angespielt wurde. Als Beispiel dient Havertz‘ Chance in der 8. Minute. Auch in der Entstehung vor dem 1:1-Ausgleichstreffer wurde Havertz von Wendell in einem Zwischenraum bedient.

Aranguiz bietet sich im Zwischenraum an, wird angespielt, leitet den Ball weiter auf Havertz, der aus einem Zwischenraum kommend Zug zum Tor hat

Kevin Volland mit einer doppelten Verbesserung

Eine Veränderung – gleichzeitig auch eine Verbesserung – stellte Kevin Volland in zweierlei Hinsicht dar. Zum einen war er in der ersten Hälfte als alleinige Spitze deutlich aktiver, schaltete sich ebenfalls in die Zwischen- und Halbräume ein, fungierte so als weitere Anspielstation. Zwar waren seine Anschlussaktionen ausbaufähig, jedoch war diese Art deutlich konstruktiver als ständig zwischen den Innenverteidiger auf Bälle zu warten und dabei im besten Falle noch im Abseits zu stehen.

Der andere Aspekt wurde in der zweiten Hälfte deutlich, als Lucas Alario für Leon Bailey kam. Der Argentinier übernahm die Position in der Spitze, Volland wich dafür nach links. Das Flügelspiel, sowie die Strafraumbesetzung bei Flanken funktionierte deutlich besser (wenn auch nur wirklich die erste Viertelstunde – gleich mehr dazu). Wenn ein Flügelspieler zu einer Hereingabe ansetzte, sollte sein Pendant auf der anderen Seite mit in den Strafraum, um als weiterer Abnehmer zu agieren. Das wurde beispielsweise in den Chancen von Kai Havertz (50. und 61. Minute) deutlich.

Volland hat auf dem linken Flügel den Ball, der Achter, Stürmer und der andere Flügelspieler starten in den Strafraum. Am Ende kommt Havertz zu einer guten Kopfball-Chance

Unerklärliche Fehler

Dennoch gibt es einen Grund, warum diese Details nicht für drei Punkte gereicht haben. Und dieser Grund ist wenig überraschend in den großen Fehlern zu finden. Mit Leon Baileys vergeigter Ballannahme vor dem 1:0 sowie Hradeckys katastrophalem Fehlpass vor dem 2:1 hat man die Niederlage nur sich selbst zuzuschreiben. Erst andere grobe Schnitzer, die es in dem Spiel auf Leverkusener Seite zuhauf gab, die jedoch teilweise extrem schwach von den Moskauern ausgespielt wurden, zeigten, wie spielerisch limitiert der Gegner eigentlich ist. Moskau stand „lediglich“ diszipliniert und kompakt hinten und nahm die allergrößten Geschenke an. Verteilt Bayer Leverkusen diese nicht, wäre es mit großer Wahrscheinlichkeit anders ausgegangen. Deswegen bin ich der Meinung, dass Bayer im Spiel gegen tief- und kompaktstehende Gegner einen Schritt nach vorne gemacht hat.

Der Einbruch der letzten halben Stunde

Nicht unerwähnt möchte ich trotz allem die letzte halbe Stunde lassen. Nachdem sich die Mannschaft nach beiden Gegentreffern eigentlich berappelt hatte, immer wieder zu Chancen kam, gab es kurz nach der 60. Minute einen Einbruch – in den Tormöglichkeiten, in der Körpersprache, in der (Willens-)Leistung. Zwar wurde das Flügelspiel nach der Halbzeitpause verbessert, ab der Ein-Stunden-Marke jedoch flog irgendwann nur noch Flanke nach Flanke in den Strafraum, alle wurden entweder abgeblockt oder rausgeköpft. Kaum bedachte Aktionen und man hatte nicht mehr das Gefühl, dass Bayer in diesem Spiel noch den Ausgleich erzielen würde. Eher würden sie sich zum wiederholten Male ein Ei legen.

Ausblick einer prekären Situation

Nun ist es so, dass Bayer vor einer ganz prekären Situation steht. Die Mannschaft ist sichtlich verunsichert und befindet sich am Anfang eines Negativstrudels. Peter Bosz muss dafür sorgen, dass die Köpfe wieder frei werden, die Spieler wieder einfache und schnelle Lösungen finden. Er muss wieder ein Gleichgewicht herstellen, muss sich fragen, an welchen Stellschrauben er drehen kann. Bosz, bekannt dafür, dass er ungerne rotiert, muss Spielern wie Wendell oder Baumgartlinger eine dringend benötigte Pause geben. Denn schon das Spiel gegen Union Berlin kann zum Knackpunkt werden: Selbstverständlich wird erwartet, die Heimpartie gegen den Aufsteiger zu gewinnen. Doch dieser wird der Bayer-Truppe nichts schenken, vermutlich ebenso kompakt stehen wie Moskau, Dortmund oder Hoffenheim. Das Team kann nun meinen Eindruck eines Fortschritts bestätigen – oder aber wieder Geschenke verteilen. Und dann wird es sehr unangenehm unterm Bayer-Kreuz.

Doch wieder 4-3-3! Aber warum?

Peter Bosz hat durchaus überrascht, als Bayer Leverkusen sich gegen Düsseldorf wieder im 4-3-3 aufgestellt hat und nicht mehr im 3-6-1. Im Folgenden versuche ich zu erörtern, warum Peter Bosz den Wechsel gewagt hat und gleichzeitig werde ich auch erklären, warum es so gut geklappt hat.

Rund um Bayer Leverkusen war in der jüngeren Vergangenheit oft von einer 3-2-4-1-, bzw. 3-6-1-Formation, zu lesen. Auch ich habe sehr gerne verfolgt, wie Peter Bosz seine Mannschaft aufs Feld schickte. Seine Art, auf den Ausfall von Karim Bellarabi in der vergangenen Rückrunde, zu reagieren, imponierte mir. Er steckte keinen Spieler als Ersatz auf Bellarabis Position, sondern veränderte Räume so, dass er stets seine besten elf Spieler auf den Platz schicken konnte. Ein wichtiges Prinzip für Peter Bosz.

Exkurs: Wie entstand das 3-6-1?

Auf dem Feld drückte sich die Änderung vom 4-3-3 auf eine Dreierkette so aus: Linksverteidiger Wendell reihte sich im Aufbauspiel neben die Innenverteidiger Sven Bender und Jonathan Tah. Dafür rückte der Außenverteidiger (meist Mitchell Weiser) nach vorne und wurde zum Flügelverteidiger. Ähnlich auf der linken Seite: Dort wurde der Flügelstürmer (meist Leon Bailey) zum linken Flügelverteidiger. Im Mittelfeldzentrum fand man zwei Zweier-Reihen. Defensiv: Charles Aranguiz und Julian Baumgartlinger. Offensiv: Julian Brandt und Kai Havertz. Gegen den Ball verschob sich noch mal alles ein wenig, Mitchell Weiser rückte wieder in die Viererkette, Julian Brandt blieb alleiniger Zehner. Dafür besetzte Kai Havertz die rechte offensive Zone im Anlaufen. Zu der Zeit profitierten viele Spieler von der Umstellung. Beispiel: Der ausgebildete Rechtsaußen Weiser hatte mehr offensive Freiheiten. Auch war es die einzige Möglichkeit, die Doppelzehn von Havertz und Brandt beizubehalten. Nun ist Brandt jedoch weg (später mehr), Weiser angeschlagen und Bellarabi wieder fit. Dennoch spielte Bosz in der Vorbereitung fast ausschließlich weiter mit dem 3-6-1 – bis zum gestrigen Spiel in Düsseldorf. Dort bot Bayer wieder das altbekannte 4-3-3 auf mit zwei Außenverteidigern und Flügelstürmern. Neben den personellen gibt es für mich auch taktische Gründe.

Das Aufbauspiel stockte

Ich kann mir vorstellen, dass ein Grund für seinen Wechsel darin lag, dass das Aufbauspiel zu berechenbar geworden ist. Im Dreieraufbau hat man zwar Überzahl gegen eine gegnerische Doppelspitze (so erklärte es Bosz auch im Podcast mit Ewald Lienen, deswegen war ich auch vor dem Spiel gegen die Fortuna weiterhin von einem 3-6-1 ausgegangen, als ich die Formation gesehen habe), allerdings sind die Abstände zu den aufrückenden Flügelverteidigern relativ hoch, weswegen der erste Pass meistens durch das Zentrum gespielt wurde. So musste man als Gegner „nur“ die Doppelsechs Baumgartlinger/Aranguiz decken (wie Paderborn) und das Aufbauspiel stockte stark. Als die Formation noch neu war, waren die zwei Anspielstationen (und damit logischerweise eine mehr als im 4-3-3) im Zentrum ein Vorteil, mittlerweile haben sich die Gegner drauf eingestellt.

Nun ist das wieder variabler, wie es sich gestern gezeigt hat: Die Außenverteidiger wurden effektiv in den Spielaufbau eingebunden (Wendell hatte die zweitmeisten Ballbesitzphasen, einige Pässe von Bender im Aufbau führten in letzter Konsequenz zu einem Torschuss), was daran liegt, dass sie auf dem doppelt besetzten Flügel nicht mehr alleine sind, sondern einen Vordermann haben (Bailey/Bellarabi) und auch den Pass ins Zentrum suchen können. Der vorhin angesprochene Dreieraufbau entstand auch durch das Abkippen von Aranguiz, allerdings nur selten.

Wenn ein Schlüsselspieler weg ist…

Ein weiterer Grund, bereits angesprochen: Julian Brandt ist einfach nicht mehr da. Der Spieler, der sich zwischen den gegnerischen Abwehrlinien positionieren und aufdrehen kann, wie wenige andere. Immer wieder probierte Bosz verschiedene Varianten aus – Paulinho, Diaby, Demirbay (dazu gleich mehr) oder zuletzt sogar Bailey. Doch niemand füllte die Position wirklich gut aus, was auch daran liegt, dass keiner der Genannten die Qualitäten eines Brandt, die in dieser Rolle gefragt sind, haben. Ohne einen adäquaten Ersatz fehlt also die Tiefe im Offensivspiel. Das wurde nun aufgefangen, zurück zu den Flügelstürmern auf beiden Seiten, die beide in der Lage sind, tiefe Läufe zu starten.

Demirbays neue Rolle

Auch Kerem Demirbay dürfte ein Faktor gewesen sein, der die angesprochene Brandt-Position im vergangenen Spiel bekleidete. Gegen Paderborn war er blass, hatte Schwierigkeiten, sich zu positionieren, nahm selten Fahrt auf. Nun hat er also im 4-3-3 die Offensivposition neben Kai Havertz eingenommen. Ohne einen direkten Hintermann (im linken Halbraum-Offensiv hat er im 3-6-1 den Spieler im linken Halbraum-defensiv hinter sich) hat er mehr Freiheiten in der Positionierung, hat dadurch zum Beispiel mehr Anlauf und allgemein Freiraum, den der Stratege dringend benötigt. Es zahlte sich auch aus: Gestern hatte er zwei Torschussvorlagen, drei Schüsse und ein Assist. Gegen Paderborn waren noch all diese Werte bei null.

Gegenpressing und Absicherung

Dazu kommen noch die grundlegenden Vorteile dieser Grundordnung. Jeder Spieler hat einen echten Hintermann, eine wahre Absicherung (LV – LM, RV – RM usw: Dazu kommt, dass Demirbay sich oft gegen den Ball neben Aranguiz in einer Doppelacht positioniert hat, dadurch haben auch die beiden Achter mit den Innenverteidiger eine Absicherung). Dadurch wirkte das Gegenpressing deutlich griffiger. Auch das Angriffspressing – also das Angreifen bei Düsseldorfer Ballbesitz – war dynamischer. Das lag daran, dass mit Bailey und Bellarabi zwei im Antritt pfeilschnelle Spieler angelaufen sind und nicht mehr mit Kai Havertz ein Spieler, der in der Endgeschwindigkeit seine Stärken hat.

Restverteidigung und Motor Aranguiz

Schaut man noch auf die Defensive: Dort ist bei einer Viererkette in der Regel ein Spieler mehr in der Restverteidigung, also in der Defensivordnung, sollte das Gegenpressing nicht funktioniert haben, als beim 3-6-1. Das hat aber auch nur funktioniert, da vor der Viererkette Charles Aranguiz gewohnt dynamisch marschiert ist und immer zur rechten Zeit dort war, wo es gebrannt hat. Die Lücken sind dennoch deutlich kleiner geworden. Das lag auch daran, dass zwei Innenverteidiger es leichter haben, sich zu organisieren als eine Dreierkette. Sven Bender hat neben seinem Spitzenwert im Zweikampfverhalten oft klug hinter Tah abgesichert, sodass Düsseldorf in den ersten 70 Minuten praktisch nie über Konter gefährlich wurde. Die Defensive war schon viel besser gestaffelt als noch gegen Paderborn.

Gegen Hoffenheim wieder im 4-3-3?

Nun also die erneute Umstellung. Man kann gespannt sein, wie es im kommenden Spiel gegen die TSG Hoffenheim aussehen wird. Das 4-3-3 hat definitiv wieder Eigenwerbung betrieben. Die Zonen, in denen sich Spieler wie Demirbay (mit mehr Freiräumen nach vorne und hinten), Bellarabi oder Bailey (beide klar auf der Außenbahn ohne die defensiven Pflichten wie noch im 3-6-1) aufhielten, liegen ihnen deutlich besser. Einziger Wermutstropfen bleibt wohl die Phase ab der 70. Minute, was aber weniger mit der Grundordnung zu tun hatte, sondern vielmehr mit der Lässig- und Fahrigkeit der Akteure.

Dabei sollte man natürlich nicht außer Acht lassen, dass der Gegner Fortuna Düsseldorf und nicht Bayern München war. Ein großer Schritt nach vorne war es im Vergleich zum chaotischen 3:2 gegen Paderborn auf jeden Fall. Auch wenn Düsseldorf nicht wie Paderborn auf einen kalkulierten Schlagabtausch aus war, kontrollierte Bayer das Spiel 70 Minuten lang und hätte der Fortuna frühzeitig vier oder fünf Tore einschenken können. Und die Umstellung auf die 4-3-3-Grundordnung hatte daran sicherlich auch einen Anteil.

Quelle der Daten: bundesliga.de, kicker.de, understat.com

#B04SCP – was für 0,5 Spektakel!

Die Nachbetrachtung des Spektakels #B04SCP, das eigentlich nur ein halbes Spektakel war.

Das liegt daran, dass Paderborn zu Beginn im Angriffspressing angelaufen ist. Während Bayer im 3-2 aufgebaut hat, hat der SCP im 2-2-2 so weit vorne wie möglich gepresst – hatte also meist einen Mann Überzahl in dieser großen Zone zwischen Bayers Abwehr und Mittelfeld; der Hauptgrund für den „provozierten Schlagabtausch“, wie es Baumgartl später nennen würde.

Dafür war natürlich vor der Abwehr von Paderborn extrem viel Platz – nur musste man da erst mal hinkommen. Dass man es nur zwei oder drei Male geschafft hat, ist ein weiteres Armutszeugnis für das Aufbauspiel hauptsächlich unserer Verteidiger, da die Doppelsechs Baumi/Aranguiz zum einen klug in den Deckungsschatten der beiden Paderborner Stürmer genommen wurde, zum anderen aggressiv angelaufen wurde von Paderborns eigener Doppelsechs. Baumi/Aranguiz hatten dadurch kaum Freiraum zum Aufdrehen, schafften es allerdings dennoch. Die Innenverteidiger hingegen passten sich wie gewohnt gegenseitig den Ball zu, mal kam ein langer Ball, selten ein Pass in den Halbraum auf die Zehner Havertz oder Demirbay. Auch wenn Paderborns Ballbesitzphasen eher rar waren, konnte man Bayers Formation gegen den Ball erkennen: Im 4-3-3 mit drei Mittelfeldspielern auf einer Linie (Baumi, Aranguiz, Demirbay), was eher ungewöhnlich ist, da sonst meist mindestens ein Spieler vor den Sechsern anläuft.

Paderborns nahezu perfektes Konterspiel

Zudem habe ich ehrlich gesagt Paderborns Fähigkeiten unterschätzt. Sie können sowohl Angriffspressing als auch mit 10 Mann am eigenen Strafraum mauern – und die Umschaltmomente sind der Wahnsinn. Schnörkellos wird der tiefe Lauf eines Angreifers gesucht, die Wege sind scheinbar perfekt abgestimmt. Selbst bei einem einfachen Klärungsversuch vom eigenen Strafraum aus. Das wurde unseren Verteidigern vor allem in der ersten Halbzeit zum Verhängnis. Die Absicherungen waren abenteuerlich, Paderborns Angreifer konnten sich nach Belieben durchspielen und hätten sogar mit einer Führung in die Pause gehen können.

Verändertes Bild nach der Halbzeit

Nach der Pause änderte Paderborn vom Angriffspressing auf ein Mittelfeldpressing, da es auf Dauer zu anstrengend gewesen wäre. Leverkusen bekam in der Folge mehr Kontrolle über das Spiel, die Abstimmung und die Konzentration in der Verteidigung wurde besser (möglicherweise auch, da drei echte Innenverteidiger hinten standen), Paderborns Gegenstöße also insgesamt lange nicht so gefährlich wie noch in Halbzeit eins. Auch, weil sich die Fehlpässe minimiert haben, das Gegenpressing besser griff. Mit Ball wurde es besser, als Demirbay auf die Position ging, die er eher spielen könnte: Die Acht neben Aranguiz. Weiterhin sah es für mich so aus, als wüsste er nicht ganz, wie er sich positionieren sollte im Angriff. Entweder steht er mit dem Rücken zum Tor, oder er hat zu wenig Anlauf – damit kann er seine Fähigkeiten nicht perfekt ausspielen. Als Leon Bailey auf seine Position ging, war mehr Dynamik in der Offensive – und letzten Endes fiel von der Seite auch der entscheidende Treffer.

Das Kontern muss besser werden

Eine Sache, die mir noch aufgefallen ist: Das Element des Konterspiels muss unbedingt verbessert werden, um ein Spiel wie das gegen Paderborn frühzeitig zu beenden. Natürlich ist Kontern kein Hauptelement des Bosz’schen Fußball-Stils, allerdings wird man mit schnellen Spielern wie Bellarabi, Havertz oder Bailey immer in Konter-Situationen gelangen. Und was aus denen entstehen kann, hat man schließlich erst auf des Gegners Seite gesehen.