Im Detail verbessert, im Gesamten verschlechtert

Es sollte sowas wie ein Pflichtsieg werden. In einer Gruppe mit Juventus Turin und Atletico Madrid muss man zuhause gegen Lokomotive Moskau gewinnen, um überhaupt die Chance auf Platz drei zu wahren. So wurde es immerhin öffentlich von Bayer-Seite kommuniziert. Raus kam jedoch ein herber Rückschlag, in erster Linie bedingt durch eigene Fehler. Und das ist ärgerlich, denn in einigen Aspekten war ein Fortschritt erkennbar.

Die erste Überraschung für mich kam mit der Mannschaftsaufstellung. Es waren die elf Spieler, die Peter Bosz schon in der zweiten Halbzeit gegen den BVB aufs Feld schickte. Diese elf Spieler hatten also die Chance auf Gutmachung bekommen. Dabei wunderte mich eine Personalie jedoch besonders: Julian Baumgartlinger. In der vergangenen Rückrunde war er auf der Doppelsechs neben Charles Aranguiz quasi der Erfolgsgarant, hielt die Balance für seine Mannschaft und war mit seiner Pressingresistenz eine Waffe. Nun spielte zwar auch der Chilene auf dem Feld, allerdings bekamen beide andere Rollen zugeteilt: Sie spielten nicht, wie noch im 3-6-1 nebeneinander, sondern nun im 4-3-3 mit Baumgartlinger auf der alleinigen Sechs und Aranguiz auf der Acht/Zehn neben Kai Havertz. Und da erkannte ich einen „Widerspruch“: Die Doppelzehn ist in Bosz‘ System unabdingbar, um beide Halbräume besetzen zu können. Fraglich war für mich, inwiefern Aranguiz dafür gemacht ist: Der Chilene ist eher als dynamische Arbeitsbiene bekannt, als griffiger Zweikämpfer auf der Sechs, der sich in jeden Zweikampf wirft und somit vor allem im Gegenpressing wertvoll ist. Kein Zehner, der sich aufdreht und den tödlichen Pass spielt. Dennoch stellte sich heraus: Er hat es im Grunde genommen gut gemacht, war umtriebig, hatte viel Bindung zum Spiel und startete tiefe Läufe. Dazu jedoch gleich mehr.

Der andere Aspekt, mit dem ich mich nicht anfreunden konnte, war Baumgartlingers Position auf der alleinigen Sechs. Wie gesagt war er in einer Doppelsechs unheimlich wertvoll für Bayers Spiel, die Aufgaben in der Zentrale kommen seinem Spielstil als eher „haltender Mittelfeldspieler“ nicht zugute. Und so kam es auch: Baumgartlinger fehlte es an Tempo im Gegenpressing, fühlte sich in der Mittelspur nicht wohl, spielte haarsträubende Fehlpässe. Bosz korrigierte die Aufstellung in der 71. Minute, wechselte Baumgartlinger aus, stellte Aranguiz auf seine beheimatete Sechser-Position, brachte mit Nadiem Amiri einen Zehner als Nebenmann für Kai Havertz.

Zwischenräume und tiefe Läufe

Vor einigen Tagen veröffentlichte ich auf Twitter einen Thread (https://twitter.com/eliano_l/status/1173570392675536896?s=20) zum Thema Spielaufbau. „Gegen einen sicher stehenden Gegner schafft es Bayer nicht, sich aus kontrollierten Ballbesitz, Chancen herauszuspielen“, schrieb ich dort. Zwischenräume würden nicht angespielt, tiefe Läufe nicht erkannt. Auch Lokomotive Moskau war ein solch sicher stehender Gegner. Demnach würden wieder dieselben Kriterien gelten, um diesen Gegner zu knacken: Die Zwischenräume wurden aktiver von den beiden Zehnern besetzt, tiefe Läufe in die Lücken der Moskauer Abwehr kamen vor allem von Charles Aranguiz. Dennoch wieder der Knackpunkt: Zu selten wurden diese Zwischenräume angespielt. Natürlich ist es immer die Gefahr, dass der Gegner auf die Zuspiele zwischen zwei Spielern lauert und den Ball abfängt. Es war jedoch spürbar, dass Bayer das Risiko nicht eingehen wollte – eine Unsicherheit, die seit dem Hoffenheim-Spiel in der Luft liegt. Zudem wurden die tiefen Läufe selten erkannt und quasi nie angespielt. Die Ironie war eigentlich nur, dass es immer gefährlich wurde, sobald ein Zwischenraum angespielt wurde. Als Beispiel dient Havertz‘ Chance in der 8. Minute. Auch in der Entstehung vor dem 1:1-Ausgleichstreffer wurde Havertz von Wendell in einem Zwischenraum bedient.

Aranguiz bietet sich im Zwischenraum an, wird angespielt, leitet den Ball weiter auf Havertz, der aus einem Zwischenraum kommend Zug zum Tor hat

Kevin Volland mit einer doppelten Verbesserung

Eine Veränderung – gleichzeitig auch eine Verbesserung – stellte Kevin Volland in zweierlei Hinsicht dar. Zum einen war er in der ersten Hälfte als alleinige Spitze deutlich aktiver, schaltete sich ebenfalls in die Zwischen- und Halbräume ein, fungierte so als weitere Anspielstation. Zwar waren seine Anschlussaktionen ausbaufähig, jedoch war diese Art deutlich konstruktiver als ständig zwischen den Innenverteidiger auf Bälle zu warten und dabei im besten Falle noch im Abseits zu stehen.

Der andere Aspekt wurde in der zweiten Hälfte deutlich, als Lucas Alario für Leon Bailey kam. Der Argentinier übernahm die Position in der Spitze, Volland wich dafür nach links. Das Flügelspiel, sowie die Strafraumbesetzung bei Flanken funktionierte deutlich besser (wenn auch nur wirklich die erste Viertelstunde – gleich mehr dazu). Wenn ein Flügelspieler zu einer Hereingabe ansetzte, sollte sein Pendant auf der anderen Seite mit in den Strafraum, um als weiterer Abnehmer zu agieren. Das wurde beispielsweise in den Chancen von Kai Havertz (50. und 61. Minute) deutlich.

Volland hat auf dem linken Flügel den Ball, der Achter, Stürmer und der andere Flügelspieler starten in den Strafraum. Am Ende kommt Havertz zu einer guten Kopfball-Chance

Unerklärliche Fehler

Dennoch gibt es einen Grund, warum diese Details nicht für drei Punkte gereicht haben. Und dieser Grund ist wenig überraschend in den großen Fehlern zu finden. Mit Leon Baileys vergeigter Ballannahme vor dem 1:0 sowie Hradeckys katastrophalem Fehlpass vor dem 2:1 hat man die Niederlage nur sich selbst zuzuschreiben. Erst andere grobe Schnitzer, die es in dem Spiel auf Leverkusener Seite zuhauf gab, die jedoch teilweise extrem schwach von den Moskauern ausgespielt wurden, zeigten, wie spielerisch limitiert der Gegner eigentlich ist. Moskau stand „lediglich“ diszipliniert und kompakt hinten und nahm die allergrößten Geschenke an. Verteilt Bayer Leverkusen diese nicht, wäre es mit großer Wahrscheinlichkeit anders ausgegangen. Deswegen bin ich der Meinung, dass Bayer im Spiel gegen tief- und kompaktstehende Gegner einen Schritt nach vorne gemacht hat.

Der Einbruch der letzten halben Stunde

Nicht unerwähnt möchte ich trotz allem die letzte halbe Stunde lassen. Nachdem sich die Mannschaft nach beiden Gegentreffern eigentlich berappelt hatte, immer wieder zu Chancen kam, gab es kurz nach der 60. Minute einen Einbruch – in den Tormöglichkeiten, in der Körpersprache, in der (Willens-)Leistung. Zwar wurde das Flügelspiel nach der Halbzeitpause verbessert, ab der Ein-Stunden-Marke jedoch flog irgendwann nur noch Flanke nach Flanke in den Strafraum, alle wurden entweder abgeblockt oder rausgeköpft. Kaum bedachte Aktionen und man hatte nicht mehr das Gefühl, dass Bayer in diesem Spiel noch den Ausgleich erzielen würde. Eher würden sie sich zum wiederholten Male ein Ei legen.

Ausblick einer prekären Situation

Nun ist es so, dass Bayer vor einer ganz prekären Situation steht. Die Mannschaft ist sichtlich verunsichert und befindet sich am Anfang eines Negativstrudels. Peter Bosz muss dafür sorgen, dass die Köpfe wieder frei werden, die Spieler wieder einfache und schnelle Lösungen finden. Er muss wieder ein Gleichgewicht herstellen, muss sich fragen, an welchen Stellschrauben er drehen kann. Bosz, bekannt dafür, dass er ungerne rotiert, muss Spielern wie Wendell oder Baumgartlinger eine dringend benötigte Pause geben. Denn schon das Spiel gegen Union Berlin kann zum Knackpunkt werden: Selbstverständlich wird erwartet, die Heimpartie gegen den Aufsteiger zu gewinnen. Doch dieser wird der Bayer-Truppe nichts schenken, vermutlich ebenso kompakt stehen wie Moskau, Dortmund oder Hoffenheim. Das Team kann nun meinen Eindruck eines Fortschritts bestätigen – oder aber wieder Geschenke verteilen. Und dann wird es sehr unangenehm unterm Bayer-Kreuz.

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